Jahreswechsel und Reflexion
- tanjaschneider96
- 12. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Was für ein Jahr…
Ich glaube, so ging es vielen Menschen, die 2025 auf der Überholspur verbracht haben. Nicht nur ist letztes Jahr viel neues dazugekommen, es haben sich auch alte sachen verabschiedet, Türen geschlossen und Kapitel beendet. Die Menschen, die meinen Instagram-Account oder meinen WhatsApp-Status verfolgen, haben immer mal einen Einblick in die Welt, in der ich gerade lebe. Voll von Veränderungen und immer in Bewegung.
Das Jahr begann mit vielen Fragezeichen, Menschen, die mir mit Ratschlägen zur Seite standen und mich herausforderten und indirekt vor die Frage stellten:
Was willst DU eigentlich? Was für ein Leben möchtest du führen?
Was sind deine Träume und Leidenschaften?
Wie stellst DU dir DEINE Zukunft vor?
Fragen, denen ich bisher gekonnt aufgewichen bin, Fragen, die ich oft einfach zurückstellte, um sie nicht beantworten zu müssen. Das brachte mich jedoch an einen Punkt, an dem sich der angestaute Stress nicht nur mental, sondern auch körperlich bemerkbar machte.

Ich gab mein Bestes, im Moment zu leben, Ausflüge und Erlebnisse mit Freunden zu teilen und jeden Tag mit einem Lächeln zu beginnen. Doch wenn man sich zur Positivität zwingt, hat das seinen Preis. In meinem Fall: ständige Müdigkeit, verspannte Muskeln, ein Gesicht, das Bände spricht. Ich versuchte es mit einer neuen Frisur, Freunden, die mich aus Deutschland besuchten, Sento-Aktivitäten, Kimono-Fotoshootings. Doch all das half nicht, die Ursache meiner Rastlosigkeit zu beheben. Es half mir auch nicht dabei, die Fragen zu beantworten, die immer wieder in meinem Kopf herumgeisterten.
Was will ICH eigentlich? Nicht, was gut für andere wäre, worüber sich meine Familie, mein Partner, meine Freunde freuen würden, nein.
Was ist MEIN Weg?
Es gab nicht wirklich den EINEN Schlüsselmoment, der mich, wie in einem Drama den Hauptcharakter, aufwachen ließ. Es waren viele kleine Momente und Gespräche, die sich aufstapelten und dann, eines Abends, viel das Kartenhaus zusammen.

Ich war in einem Sento in der Nähe meines Apartments eingekehrt und hatte mich im warmen Wasser entspannt und all die Sorgen und Tränen der letzten Tage wortwörtlich abgewaschen. Was mir in diesem Moment nicht bewusst war, war, dass ich damit Platz gemacht hatte, die Türen geöffnet hatte, für neue Informationen und ungefilterte Emotionen.
Ich saß auf der Bank im Eingangsbereich des Sento, trank meine Kaffeemilch, als mein Handy vibrierte und auf dem Display eine Nachricht meines Teezeremonie-Lehrers erschien. Eine einfache Frage: „Wann kommst du das nächste Mal zum Unterricht? Wenn du nicht kannst, sag uns bitte vorher Bescheid, da wir sonst deine Portion an Süßigkeiten auch mitkaufen.“
Kein Vorwurf, nur eine einfache Frage.
Und doch wühlte es in mir etwas auf, das ich lange weggedrückt hatte. Ich tippte meine Antwort, dass ich nächsten Monat wieder dabei sein werde, aber ich weiß noch nicht, wie es bei mir weitergeht: ob ich im Sommer nach Deutschland zurückkehre oder in Japan bleibe. Dass ich Bescheid geben würde, wenn ich nicht zum Unterricht erscheine.
Während ich tippte, merkte ich, wie sich ein Kloß in meinem Hals ausbreitete, mir Tränen in die Augen stiegen und sich alles einfach wieder zusammenzog.
War der Gedanke, nach Deutschland zurückzugehen, wirklich so schlimm?
Ich stand auf, schluckte die Tränen hinunter, bedankte mich bei der Dame am Eingang und verließ den Sento. Die kühle Abendluft umstreifte sanft mein Gesicht, und ich versuchte erneut, das Gefühl der Schwere abzustreifen.
Und dann, mit einem Mal, komplett auf dem Nichts, ein Gedanke in meinen Kopf.
Auf Japanisch und absolut ohne Vorwarnung oder Kontext.
日本から離れたくない。
Ich möchte mich nicht von Japan entfernen.

Mit dem Satz kamen die Panik, die Tränen, die Angst, weil ich genau wusste, fühlte, dass es wahr war. Dass dieser Satz genau das widerspiegelt, was sich in den letzten Tagen, Wochen, Monaten wie ein unendlicher Turmoil angefühlt hatte. Ich schaffte es, die Tränen zurückzuhalten, bis ich den Fluss erreichte und mich auf einer der kleinen Brücken niedergelassen hatte. Ich rief meinen Bruder an und mit einem Mal schoss alles heraus. Der Ärger, die Wut, die Verzweiflung, die Angst, der Schmerz, alles, was sich angestaut hatte. Er hörte mir zu, gab mir Ratschläge und half mir, mich wieder auf meine beiden Füße zu stellen.
Auch er sagte: Entscheide für DICH. Du bist die Einzige, der du an deinem Lebensende Rechenschaft ablegen musst. Übernimm Verantwortung. Für dich, deinen Weg und deine Entscheidungen.
Und das tat ich. Es dauerte noch ein paar Wochen und Monate, brauchte noch Gespräche und schlaflose Nächte, bis ich mich endgültig von alten Verbindungen lossagte und frei machte. Frei für Neues, frei für Veränderung, frei für Wege, die ich vorher noch nicht beschritten hatte.

Ich entschied mich, meinen Job im Kimonoladen zu beenden und bei meiner Freundin Coline in die Firma einzusteigen. Ich entschied mich, wieder mehr zu schreiben, und begann mit meinem ersten Roman. Ich entschied mich, nach Nara zu ziehen und den Stress der Großstadt erneut hinter mir zu lassen. Die seit 5 Jahren geplante Hokkaido-Umrundung wurde umgesetzt, und mich fand eine Überraschung, von der ich in einem gesonderten Beitrag erzählen werde.
Ich begegnete Menschen und war durch meine neu gewonnene Freiheit in einer Situation, in der mein Herz offen und leer war. Ich war im Vertrauen, in der Liebe, mit allem, was mich umgab, und absolut im Hier und Jetzt. Dass dieser Zustand nicht von Dauer ist, merke ich aktuell wieder. Die Herausforderungen des Lebens werden nicht kleiner oder verschwinden; sie verändern sich einfach. Sie wandeln ihre Form und testen, ob wir aus unserer Vergangenheit gelernt haben. Und somit bin ich jetzt wieder an einem Punkt, an dem ich mich fragen darf:
Was ist MEIN Weg?
Und wie gehe ich ihn? Gehe ich ihn in Angst und Zweifel oder gehe ich ihn in Liebe und Vertrauen darauf, dass alles seinen Platz finden wird?
Was ich weiß, ist, dass ich von Menschen umgeben bin, die mich lieben, mir vertrauen, mich bewundern, mich herausfordern und mich immer wieder vor genau diese Frage stellen. Die bei mir bleiben, egal wie sehr ich zweifle, die mir den Rücken stärken und in mir Potenzial sehen, das ich selbst oft übersehe oder kleinmache. Menschen, die mich anschauen und mir sagen: „Du packst das!“ „Ich bin da, wenn du mich brauchst.“ „Ich bin da, wenn du Fragen hast.“
Und genau für diese Menschen bin ich dankbar. Danke, dass du bis hierher gelesen hast. Danke, dass du Teil dieser Reise und dieser Entwicklung bist. Ich freue mich schon darauf, bald mehr zu teilen und die neuen Projekte vorzustellen.







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